21.06.2010, 19:14 Uhr | Aus Pretoria berichtet Patrick Brandenburg
„Why, Africa, why?“ Völlig frustriert riefen zwei Südafrika-Fans die Frage nach dem "Warum" in die Nacht von Pretoria: Warum bloß sind die Afrikaner schlecht wie seit 28 Jahren nicht mehr? Warum der Einbruch ausgerechnet beim ersten WM-Turnier auf dem schwarzen Kontinent? Die Elfenbeinküste hat nur noch theoretische Chancen auf ein Weiterkommen, Gastgeber Südafrika, Nigeria und Kamerun sind bereits ausgeschieden. Einzig Ghana hält vor dem Gruppenendspiel die Hoffnungen auf ein Achtelfinale mit schwarzafrikanischer Beteiligung aufrecht. Schlecht für die deutsche Nationalmannschaft. Denn das DFB-Team spielt plötzlich nicht nur gegen elf Black Stars, sondern gegen 800 Millionen Menschen und den Stolz des Kontinents (heute ab 20.15 Uhr im t-online Live-Ticker).
Wie panafrikanische Verbrüderung aussehen kann, haben schon die Dänen erlebt. Beim Duell mit Kamerun in Pretoria schlugen sich die heimischen Fans auf die Seite der unbezähmbaren Löwen. Nach dem Führungstreffer durch Superstar Samuel Eto'o stand das Stadion Kopf, die Welle lief durch Loftus Versfeld und die WM-Stimmung war euphorisch wie davor nur bei Südafrikas grandiosem Treffer durch Siphiwe Tshabalala im Eröffnungsspiel gegen Mexiko. Zum Glück für die Dänen kennt Kamerun den Begriff Defensivordnung nur vom Hörensagen, sonst wäre es für die Nordeuropäer ein ungemütlicher Abend geworden.
Da haben die Deutschen schon ein ganz anderes Kaliber erwischt. Ghana steht defensiv gut, spielt unafrikanisch körperbetont und kann gefährlich kontern. Wenn dann noch der Großteil der 90.000 Fans im gigantischen Soccer City Stadion von Johannesburg hinter den Brüdern im Geiste von der Goldküste steht, kann sich die DFB-Elf auf einen Hexenkessel gefasst machen. Im Vergleich dazu wirkt das sonst übliche Vuvuzela-Getröte bestimmt sanft wie ein Violinenkonzert in der Stadthalle Soest.
Nach den Worten von Bundestrainer Joachim Löw ist die deutsche Nationalmannschaft dem Druck vor dem Ghana-Spiel gewachsen zum Video
Viel mehr als die Europäer, bei denen sich vor allem Nachbarn - wie Holland und Deutschland - stets das größte WM-Unglück an den Hals wünschen, sind die Afrikaner bereit zur gegenseitigen Hilfe. Das nordafrikanische Algerien, das in der England-Gruppe noch hofft, nimmt mit seiner traditionellen Nähe zu Europa eine Sonderrolle ein, aber Schwarzafrika hält zusammen. Mit großen Erwartungen blickt der Kontinent auf das Turnier. Afrika will zeigen, dass es globale Großereignisse organisieren kann. Außerdem wartet der Kontinent auf den nächsten sportlichen Schritt: Seit Marokko 1986 hat stets eine Mannschaft aus Afrika die Vorrunde überstanden. Weiter als Kamerun 1990 und Senegal 2002 (Viertelfinale) schaffte es die oft beschworene Zukunft des Weltfußballs bislang aber nie.
Für Afrikas Fußball, der heute schon alle europäischen Topligen mit unendlich viel Talent versorgt, wäre ein Komplett-Ausfall aller Teams ein herber Rückschlag. Das vorzeitige Aus Südafrikas ist sogar historisch: Noch nie war ein WM-Gastgeber in der ersten Runde gescheitert. Schon nach der demütigenden 0:3-Niederlage gegen Uruguay glich die Fankolonne einem Trauerzug. Keine Gesänge, kein Tanz , selbst die Vuvuzelas verstummten. Ein echter Stimmungskiller und bislang der Tiefpunkt dieser WM. Nicht auszudenken wie das Turnier wird, wenn nur noch Europäer und Südamerikaner regieren.
Der Nationalspieler spricht über das Spiel gegen Ghana und das Treffen mit seinem Bruder Kevin-Prince. zum Video
Die anderen Teams südlich der Sahara haben sich nicht besser geschlagen als Südafrika. Kamerun verabschiedete sich mit zwei Niederlagen gegen Japan und Dänemark sang- und klanglos aus dem Turnier. Nigeria ereilte nach den Pleiten gegen Argentinien und Griechenland sowie dem Unentschieden gegen Südkorea das gleiche Schicksal. Die hoch gehandelte Elfenbeinküste muss auf Brasiliens Hilfe gegen Portugal und ein Schützenfest über Nordkorea hoffen. Einzig Ghana, noch ohne Niederlage im Turnier, hat es in der eigenen Hand. Südafrika ist bereit, die Black Stars als ihr Team zu adoptieren.
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Für Südafrika wird bei dieser WM keine Vuvuzela mehr erklingen. Die Fans bleiben gelassen. zum Video
Quelle: t-online.de
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