17.06.2009, 09:12 Uhr
Matthias Sammer möchte mehr Verantwortung für die U 21. (Foto: imago)Die A-Nationalelf auf dem Weg zur WM, die Nachwuchsteams erfolgreich - eigentlich kann niemand beim DFB unglücklich sein. Doch Matthias Sammer stört die Ruhe: Der Sportdirektor will die alleinige Verantwortung für die U 21. Ein Frontalangriff auf Bundestrainer Löw und Teammanager Bierhoff.
Die Krise macht ja auch vor dem Arbeitsmarkt nicht halt. Die Zahl der Stellenanzeigen in deutschen Tageszeitungen ist eingebrochen, teils um fast die Hälfte - im hochpreisigen Segment findet man die Annoncen allerdings immer noch. Man muss nur woanders suchen.
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Im Sportteil der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zum Beispiel. Dort war vor kurzem eine Bewerbung von Matthias Sammer zu finden. Dieser hat zwar schon einen guten Job als Sportdirektor des DFB - gab der Zeitung aber ein Interview, das eine unmissverständliche Bewerbung an den DFB war. Und ein Angriff auf die Führung der A-Nationalmannschaft.
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Sammer, verantwortlich für die Nachwuchsarbeit im Verband, forderte mehr Macht. Er will die Alleinverantwortung für die Jung-Nationalmannschaft U 21, die derzeit in Schweden um den EM-Titel spielt. Und wer zwischen den Zeilen las, konnte seine Aussagen so interpretieren, als könne sich der 41-Jährige sogar irgendwann den Bundestrainerposten vorstellen - dabei hatte er eine Rückkehr auf die Trainerbank bisher "kurzfristig" ausgeschlossen.
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Sammer antwortete nicht auf die Frage nach der Position des Bundestrainers. Deutlicher wurde er aber, als es um das Jetzt ging. "Meine Motivation ist es, den Zusammenhang zwischen Nachwuchs- und Männerbereich fließend und somit effektiver zu gestalten", sagte Sammer. Auch beim DFB wisse man, dass er dies in seiner Funktion als Sportdirektor anstrebe. "Man darf da einiges beim DFB künftig nicht mehr trennen - weder gedanklich noch personell."
Sammer, der sich mittlerweile in der Rolle des konzeptionellen Vordenkers des Verbandes gefällt und in seinen Jugendmannschaften für "Hierarchien, Persönlichkeiten, Geschlossenheit, Willen", sprich: "traditionelle Stärken" eintritt, will diese Konzepte nun auch bis zur U 21 allein verantworten.
Dem DFB droht damit eine neue Zerreißprobe. Denn der Konflikt um die U 21 ist kein neuer. Schon Ende des vergangenen Jahres kam es zur Konfrontation zwischen Sammer auf der einen und DFB-Teammanager Oliver Bierhoff sowie Bundestrainer Joachim Löw auf der anderen Seite. Es ging um die Besetzung des Trainerpostens bei der wichtigsten Nachwuchsmannschaft des Landes; Sammer favorisierte Heiko Herrlich; Bierhoff und Löw wollten Stuttgarts Amateurtrainer Rainer Adrion verpflichten. "Es musste eine Entscheidung getroffen werden und es war klar, wer sie trifft: Jogi", sagt Bierhoff rückblickend. Adrion kommt nun im Sommer, weil er keine Freigabe vom VfB bekam. Bis dahin macht Horst Hrubesch den Job.
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Schon der Fall Adrion zeigte, dass die U 21 ein ganz besonders heikles Betätigungsfeld innerhalb des DFB ist. An diesem Punkt treffen sich Nachwuchs und Nationalteam - und in Sammer auf der einen und Löw/Bierhoff auf der anderen Seite die beiden Machtzentren des Verbandes. Die U 21 ist das Ende des Machtbereiches vom Sportdirektor und der Beginn des Einflusses von Bundestrainer und Teammanager. Ein Kulminationspunkt.
Alle sind irgendwie verantwortlich für die Jungprofis, die die Perspektivspieler für das DFB-A-Team sein sollen, aber in der Regel alle von Sammer verantworteten Mannschaften durchlaufen haben. "Es gibt eine klare Aufteilung und daher kein Problem der Verantwortlichkeit", sagt Bierhoff "Spiegel Online". "Als Matthias Sammer kam, wurde beschlossen: Sammer ist verantwortlich für die U15 bis U20. In unseren Verträgen wurde, auch auf Wunsch des DFB, die U 21 ganz nah beim Führungsteam der A-Nationalmannschaft angesiedelt."
Sammer sieht das offenbar nicht so. Er erkennt da noch immer einen Konflikt, den er jetzt zu seinen Gunsten auflösen will. Er finde es "problematisch, wenn die sportliche Verantwortung getrennt ist", sagt Sammer. Er sei es gewohnt, "Verantwortung zu tragen und Verantwortlichkeiten zu schaffen". Und er sagt: "Dass es gefährlich sein kann, die Verantwortung auf viele Schultern zu verteilen, das erkenne ich bei jungen Spielern und den Klubs." Sammer nennt Toni Kroos (Bayer Leverkusen) als Beispiel oder die Bender-Zwillinge (1860 München) - in den Mannschaften bis zur U 20 feste Stammkräfte, aber in der U 21 bisher ohne Fortune.
Man fragt sich, was den streitbaren Sportdirektor geritten hat, den Status quo im DFB plötzlich in Frage zu stellen und mit einem Interview öffentlich die Machtfrage zu stellen. Sind es die unbestrittenen Erfolge der U 17 und U 19, die beide Europameister wurden und deren Siegeszug Sammer als Beleg für seinen Kurs anführen könnte? Hat ihn das Werben diverser Bundesligisten auf die Idee gebracht, seinen Marktwert zu testen? Sind es die warmen Worte von Franz Beckenbauer, der Sammer bei jeder Gelegenheit lobt, ihn als Bayern-Trainerkandidat nannte und sich wünscht, dass der Sportdirektor bald "in einer ganz hohen Position" arbeitet?
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Matthias Sammer beschäftigt neuerdings zwei Berater, von denen einer, Markus Höfl, seit Jahren Beckenbauer zur Seite steht - und seit kurzem auch Ratgeber von Boris Becker ist. Sammer teilt außerdem regelmäßig seine Einschätzungen als Experte auf verschiedenen Kanälen mit: als Kolumnist bei "Welt" und "Welt am Sonntag", im "Kicker" und beim Pay-TV-Sender Premiere. Sammer ist ein Meinungsmächtiger - jetzt strebt er beim DFB nach Höherem.
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Aber wie realistisch ist das überhaupt? Sammer ist innerhalb des DFB respektiert, gerade weil die U-Mannschaften derzeit sehr erfolgreich sind. Aber Bierhoff und Löw gelten als unantastbar - nicht umsonst will der Verband seit Monaten den Vertrag mit Bundestrainer und Teammanager verlängern, und auch Bierhoff hat vor einer Woche erneut den Wunsch bekräftigt, bis 2014 bleiben zu wollen. Einen Machtkampf kann Sammer nur verlieren. Es ist nicht vorstellbar, dass Bierhoff und Löw auf ihren Einfluss auf das U-21-Team verzichten. Löw lässt es sich jedenfalls nicht nehmen, in Schweden bei der EM die ersten beiden deutschen Spiele zu schauen. Ein Zeichen?
Bierhoff, der wie Löw und Sammer ebenfalls in Schweden ist, hält sich mit Äußerungen über den Sportdirektor zurück. "Spiegel Online" sagt er: "Matthias Sammer macht hervorragende Arbeit. Man spürt, dass er auf der für ihn richtigen Position beim DFB angekommen ist." Und: "Wir können froh sein, dass er dem Werben einiger Bundesligisten widerstanden hat." Nach Meinung von Bierhoff ist Matthias Sammer also der richtige Mann auf dem richtigen Posten. Stellt sich die Frage, ob Sammer das genauso sieht.
Quelle: Spiegel Online
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